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VERANSTALTUNGEN

16.02.2016

Brauhandwerk ist wieder gefragt

Die Hauptstadt gilt als Brutstätte für Innovationen. Man spricht von über 3000 Start-ups nationaler und internationaler Gründer, die die einheimische Szene beeinflussen. Berlin gilt auch als Mekka der deutschen Craft Bier-Bewegung, die sehr stark von den USA inspiriert ist. Über 15 kleine bzw. Kleinstbrauereien kreieren hier aktuell unterschiedliche Bier-Innovationen. Craft Bier-Pubs, -Shops und -Events entstehen überall in der Stadt.

Die Nachfrage steigt und Gastronomie und Handel reagieren mit Sonderplatzierungen. „Die zahlreichen nationalen und internationalen Gäste, die wir wöchentlich durch Berlin führen, haben ein Riesen-Interesse an der Berliner Craft Bier- und Food-Szene und zeigen sich begeistert von der Vielfalt der Biere sowie der Leidenschaft der Menschen, die hinter diesen Bier- und Gastro-Konzepten stehen“, so Dr. Bastian Schwithal, Inhaber von Berlin Food Tour.

Testgelände Berlin

Audi präsentiert in Berlin den ersten Automobil-Cyber-Store, die ersten Hotels für Veganer sind eröffnet und die Gastronomieszene setzt mit eigenen Erlebniswelten Akzente. Einheimische und Gäste sind zunehmend bereit, für gutes Essen und gute Getränke auch mehr zu bezahlen, wenn die Angebote authentisch und die Produkte hochwertig sind.

Eine der ersten Craft-Brauereien Deutschlands, das Brauhaus Lemke, existiert seit 1999 in Berlin. Oli Lemke hat sein BWL-Studium abgebrochen, um danach Brauerei- und Getränketechnologie an der TU Berlin zu studieren. Bereits während des Studiums beschließt er, eine eigene Brauerei zu gründen. Dafür hat er Erfahrungen rund um den Globus gesammelt, hat in venezolanischen Großbetrieben gearbeitet und in Japan komplette Brauereien gebaut. Mit diesem Erfahrungsschatz im Gepäck bastelte er in der Garage eines Freundes 1998 in Berlin die erste eigene Brauanlage zusammen.

„Ich konnte schon im Studium nicht verstehen, warum wir in Deutschland, dem Land des Bieres, nur 10 bis 15 Bierstile haben, obwohl es weltweit über 150 Hopfensorten gibt“, erklärt Lemke. Er warnt aber gleichzeitig vor Geschmacksverirrungen bei der Konzeption von Craft Bier, deren Anzahl auch in Deutschland wächst: „Nicht alles, was anders ist, ist geil. Nur erfahrene Brauer können auch langfristig qualitativ hochwertige Biere entwickeln“.

Das wachsende Interesse am Craft Bier und die Präsentation in der breiten Öffentlichkeit durch die Medien verändert die Einstellung zum Bier. Vorbei scheint die Zeit der Sauftouren durch die Stadt, vielmehr wird der „Neuland Bio Burger“ mit einem gezielt ausgewählten und gern vorab verkosteten Pale Ale oder Lager genossen. Oli Lemke sieht darin auch die größte Chance für die Braubranche: „Wir machen Biere, die einzigartig sind, und stellen das Produkt wieder in den Vordergrund.“ Er ist sicher, dass in den nächsten Jahren neben der Weinkarte auch eine Bierkarte gereicht wird.

Faire Partnerschaften

Katharina Kurz, Geschäftsführerin der Braukunst Berlin GmbH, Berlin, und ihre Schwester Anja Kurz, die das Marketing für das Craft Bier BRLO verantwortet, erklären die Herausforderungen so: „Das spannende an der Craft Bier-Szene ist der Fokus auf Handwerk, Vielfalt und Kreativität. Es geht um die Freude am Bier und es herrscht ein reger Austausch zwischen den Brauern. Die Menschen hinter den Bieren treten wieder in den Vordergrund. Unsere Biere werden handwerklich und in kleinen Mengen gebraut. Die Auswahl und der persönliche Kontakt mit unseren Rohstoff-Partnern ist uns besonders wichtig, so verwenden wir ausschließlich Malz aus biologischem Anbau und kooperieren hier mit einem kleinen Familienunternehmen in Franken. Uns bei BRLO ist es persönlich sehr wichtig, auch zugängliche Biere zu brauen und neue Menschen an das Thema Craft Bier heranzuführen. Als Berliner Firma möchten wir außerdem regional und nachhaltig agieren. So spenden wir von jeder verkauften Flasche einen bestimmten Betrag an verschiedene soziale Einrichtungen.“

Herausforderung für den  Vertrieb

Großbrauereien versuchen nach wie vor, Gastronomen mit Sonnenschirmen und Bierdeckeln für sich zu begeistern. Besinnung auf das Produkt bedeutet für den Vertrieb jedoch, dass Fachleute Produkte vorstellen und erklären können. Vergleichbar mit dem richtigen Wein zum Essen, sollte das Craft Bier zur Karte passen und das Menü abrunden. Dass eine gesponserte Standardeinrichtung auch nicht zum individuellen Konzept des Gastronomen oder Barbesitzers passen kann, versteht sich von selbst.

Robin Weber, Co-Founder und CEO der Craft-Brauerei Berliner Berg GmbH, glaubt an das wachsende Interesse an Bierspezialitäten im Einzelhandel und in der Gastronomie: „Wir erleben gerade in Berlin eine tolle Dynamik. Viele Gastronomen und Händler haben große Lust auf die neue Biervielfalt. Akzeptanz und Nachfrage steigen kontinuierlich. Auch im Rest der Republik sehen wir die Arbeit der vielen Pioniere und freuen uns darüber, in kurzer Zeit viele interessierte Händler in ganz Deutschland gefunden zu haben. Wir glauben an die Zusammenarbeit mit allen Partnern, die ein Interesse an hochklassigen und vielfältigen Bieren haben. Die Begeisterungsfähigkeit ist definitiv vorhanden. Neue Konzepte im Einzelhandel entwickeln sich momentan an vielen Orten und ich glaube, dass jedes Konzept seine Berechtigung hat. Der Kunde wird am Ende nach seinen Bedürfnissen entscheiden und wir glauben an ein wachsendes Interesse an herausragenden Produkten“.

Der Getränkeeinzelhandel ist bereit

Im Gespräch mit Einzelhändlern und Gastronomen stoßen die Berliner Craft-Brauer zunehmend auf Interesse. Der Handel möchte den Trend nicht verpassen. So testen bereits Supermärkte wie Rewe, Edeka und Kaisers Sonderverkaufsplätze und selbst Einzelhandelsketten wie Lehmann oder Getränke Hoffmann beobachten aufmerksam das wachsende Interesse an regionalen Bieren. Zudem entstehen immer mehr Bierfachmärkte wie die Bierlieb GmbH, Berlin. Hier werden Craft Bier-Sorten, die im klassischen Handel nicht angeboten werden, präsentiert, verkostet und verkauft. Der in Berlin stark verbreitete „Späti“, die Spätverkaufsstelle, kann es sich kaum noch erlauben, keine regionalen Biere und Craft Biere im Regal zu haben.

„Der Einzelhandel kann für Craft Bier gut funktionieren, allerdings muss das Thema Craft Bier richtig gespielt werden. Es bringt uns nichts, neben einem Sixpack ‚Fernsehbier‘ im Regal zu stehen. Das heißt, es gehört eine gute Regalpflege dazu, die richtige Auswahl an Bieren, fachkundiges Personal und auch die richtige Preispolitik. Da muss sicherlich noch einiges ausprobiert werden, bis der richtige Weg für Craft Bier in Deutschland gefunden ist“, erklären Katharina und Anja Kurz von BRLO.

Full-Service-Anbieter und  Vernetzer

Die Szene sieht sich nicht im Wettbewerb zueinander, sondern setzt auf Kooperation im Sinne der Handwerkskunst. Ein gutes Beispiel: Das Internetportal Craft Beer Market, ein Hamburger Start-up, das versucht, alle gängigen Brauereien und Produkte zu präsentieren. Hier scheut man sich auch nicht davor, gemischte Boxen anzubieten, die Craft Bier unterschiedlichster Brauereien beinhalten. Die Suchfunktion lässt unter anderem die Auswahl zum Essen passender Biere, nach Region oder dem Alkoholgehalt zu. Und zu jedem Tipp wird auch gleich der Brauer persönlich präsentiert.

Die Brauereien zeichnen sich dadurch aus, dass es fast immer die Möglichkeit des Bier-Tastings gibt, Brauseminare angeboten werden und fast schon selbstverständlich ein Shop vorhanden ist. Die Webseiten sind modern und gerade für die Nutzung auf dem Smartphone funktionell gestaltet. Sie bieten Onlineshops mit Bier Abonnements, Veranstaltungen, Reservierungstools und Bewertungsmöglichkeiten mit Share-Funktion über die Social Media-Kanäle. Immer stehen das Brauhandwerk, die Menschen und die Produkte sowie der damit verbundene Genuss beim Feiern und Essen im Mittelpunkt der Präsentationen. Hier scheut man sich auch nicht davor, für Firmen oder Gastronomen individuelle Craft Bier-Marken zu entwickeln.

Social Media Marketing und Interaktion

Vergleichbar mit bekannten Start-ups wie Zalando oder Delivery Hero, setzen auch die jungen Brauer nicht auf das klassische Marketing durch Anzeigen, Plakate oder TV-Werbung. Zum einen ist dafür schlicht kein Budget vorhanden und zum anderen ist es Erfolg versprechender, auf Events aktiv zu sein und die Möglichkeiten zu nutzen, das Portfolio persönlich vorzustellen. In den letzten Jahren sind in Berlin Street Food-Märkte und Craft Bier-Events entstanden, die hierfür die Plattform bieten.

Nennenswert ist die 2015 erstmals sehr erfolgreich realisierte „Berlin Beer Week“. Die Initiatoren beschreiben sich als „ein paar Verrückte, die gutes Bier lieben“. Als Mission sehen sie das Promoten von lokal und handwerklich gebrautem Bier und die Präsentation der Menschen dahinter. Bei über 30 Veranstaltungen in verschiedenen Bars, Cafés, Shops, Restaurants, Brauereien und Eventlocations wird neun Tage lang Craft Bier gezapft, verkostet, gebraut und getrunken. Erfreuliche Besucherzahlen und das große öffentliche Interesse haben dazu geführt, dass das Format im Juli 2016 wiederholt wird.

Auch das bekannte und jährlich im August stattfindende „Internationale Berliner Bierfestival“ mit rund 800 000 Besuchern aus aller Welt setzt unter anderem auf Craft Bier. Der Abverkauf gestaltet sich sehr erfreulich, erklären die Brauer. Hier wird nicht einfach ein Bier bestellt, die Kunden hinterfragen Geschmacksrichtungen sowie Kombinationsmöglichkeiten und testen gern, bevor sie sich für ein Bier entscheiden.

„Vor allem die Nachfrage nach lokalen und nachhaltigen Bieren steigt. Und auch der Wissensdurst der Berliner und der Berlin-Besucher wächst. „Gefragt sind Bierführungen, Tastings und Craft Bier-Pairings“, erklärt Dr. Schwithal von Berlin Food Tour, der diese Formate seit 2013 erfolgreich realisiert.

Der Dialog mit potenziellen Kunden wird aktiv geführt und nach deren Meinung gefragt. Es wird abgestimmt über das Markenlogo, die Geschmacksrichtung oder den besten Bar- und Restauranttipp. Ne-

ben Facebook wächst hier immer stärker das Marketing auf Instagram. Menschen aus der ganzen Welt teilen ihre Bilder und Videos direkt von der Location oder dem Event, kochen selbst und stellen das passende Bier dazu und zelebrieren so den Genuss und das Lebensgefühl. Für Brauereien und Gastronomen wird dieser Kanal zunehmend wichtig, da durch diese Präsentationsform nachweislich die Kundenbindung steigt und potenzielle Kunden aufmerksam werden. Die Beobachtung und Statements auf Bewertungsportalen wie TripAdvisor und Yelp gehören dabei ebenfalls bereits zum Alltag im Marketing der Craft-Brauer, Bars und Shops.

Der Markt in Deutschland wächst

Sicher handelt es sich bei Craft Bier noch immer um ein Nischenprodukt und es bleibt abzuwarten, ob sich der Markt hierzulande ähnlich wie in den USA entwickelt. Immerhin setzten US-amerikanische Craft Bier-Brauer im letzten Jahr nahezu 20 Mrd USD im Einzelhandel um und erreichten damit einen Marktanteil von elf Prozent des Gesamtmarktes. Bekannt ist auch, dass AB-InBev gerade in letzter Zeit Craft-Brauereien in den USA und Großbritannien gekauft hat. In Berlin investiert aktuell das US-amerikanische Unternehmen Stone Brewing Company 25 Mio USD in den Bau einer Craft-Brauerei mit Biergarten und Eventlocation mit rund 800 Plätzen. Auch in Deutschland werden die Projekte größer und professioneller, gleichzeitig sind die kreativen Köpfe dahinter darum bemüht, neue Wege zu gehen. Eine Bereicherung für den deutschen Biermarkt sind die Craft-Brauer daher schon jetzt.